Samstag, 23. Februar 2008
Herman
Ein verschüttetes Leben
Reconquista
In eine Ecke gekauert saß Herman auf dem Boden seiner für seine Bedürfnisse viel zu kleinen Wohnung und starrte auf das von Staub verschmierte Glas der Balkontür, durch welche das matte Licht des anbrechenden Abends, allen Widerständen trotzend, einfiel. In seiner linken Hand hielt er einen Bogen Zeichenpapier und streifte unablässig mit dem Daumen seiner Rechten über dessen scharfe Kanten. Dies war eine alte Gewohnheit, ursprünglich gegen seine Mutter gerichtet und im Laufe der Jahre zu einer fixen Untermalung beim Nachdenken geworden.
Er presste seinen Finger fest gegen das Blatt und schnitt sich tief in sein Fleisch. Während dickflüssiges Blut die weiße, scharfe Kante rötete, tauchte er ein in das wohlige Déjà-vu des Schlüsselerlebnisses, welches ihm diese Gewohnheit beschert hatte.
Der Zeichensaal seiner damaligen Schule, sein überraschter Schrei und der brennende Schmerz in seinem Finger – eine Empfindung, welche ihm bis zu diesem Zeitpunkt, egal in welcher Form auch immer, erspart geblieben war – drehten sich erneut in ihm und nebelten ihn ein.
Die Sommerferien hatten Herman und seine Mutter stets damit verbracht, sämtliche Seitenränder seiner Hefte, welche er im folgenden Schuljahr benötigen würde, mit durchsichtigem Klebeband zu überziehen. Eine Schutzvorrichtung, welche die gefährlich scharfen Papierkanten von Charlotte Henmayrs Sohnesfleisch fernhalten sollte. Doch alle Bemühungen waren schlussendlich vergebens gewesen und hatten jenen Schnitt im Unterricht nicht vermeiden können, die Schneidkraft des Lebens hatte, dem Bestreben seiner Leiblichen zum Trotz, einen Weg zu Herman gefunden. Und das am Vorabend seiner Pubertät, wodurch ihm der Zeichensaal zum Symbol der Wahrheit und das Sichschneiden und Verletzen zu einem Protest stilisiert worden war, welcher sich mit den Jahren zu einer Marotte mauserte.
Eine tiefe Kerbe in seiner Daumenkuppe war Zeugin seiner Beständigkeit.
Während sein Blut über das Papier rann und eine einzigartige Spur hinterließ, um anschließend auf das Lärchenholz des Bodens zu tropfen, streiften Hermans Augen durch den Raum.
Er hasste diese Wohnung, welche ihn jedes Mal, sobald er sie betrat, umklammerte und ihm somit den letzten Rest an ihm verbliebener Kraft raubte. Die dicken, kalten Wände schlossen sich um ihn, ließen ihm kaum Platz zum Atmen, die verstreut liegenden, von Blutspuren gezeichneten Blätter mahnten ständig an Vergangenes, und sein Mobiliar, welches zum Großteil aus zu Regalen gestapelten Obstkisten, Ziegelsteinen und Brettern bestand, drohte über ihn herzufallen und ihn zu erschlagen. Er war nicht im Stande, diesen Unterschlupf zu verlassen; doch hielt er sich darin auf, zeigte ihm das roh gehobelte Holz die Zähne und bohrte unablässig Splitter in sein Fleisch.
Wäre die Oberflächenbehandlung ein Maß für Lebensqualität und Selbstachtung, so war er beinahe am Boden angekommen.
Vor einem halben Jahr, als er diese Garçonnière zum ersten Mal betreten hatte, glaubte er seine momentane Stimmung in ihr wiederzuerkennen, die Trostlosigkeit eines Daseins ohne Zärtlichkeiten räumlich gestaltet vorgefunden zu haben. Herman glaubte, auf ein Spiegelbild seines aus seinem Blickwinkel von einengenden Zwängen geprägten Lebens gestoßen zu sein, und mietete das Wohnobjekt in seinem Darstellungsdrang an.
Damals hätte er sich noch eine größere, hellere Unterkunft leisten können, doch er hatte sich theatralisch inszenieren wollen und war der Meinung gewesen, dieses Loch würde ihm gut zu Gesichte stehen und bei seinen Mitmenschen Mitleid heraufbeschwören.
Vergebens.
Aber die Wohnung hatte immerhin den unleugbaren Vorteil gehabt, dass ihn hier niemand vermuten würde und er ohne Schikanen und Kaution sofort hatte einziehen können.
Damals.
Damals hatte er innerhalb weniger Minuten so gut wie alles verloren. Unangemeldet war sein Galerist, welcher ihm sein Atelier bezahlte und bei dem er auch wohnte, in Selbigem aufgetaucht und hatte ihn beim Sex mit seinen zwei Modellen ertappt. Nach seiner Seite hin war der Galerist durchaus für eine offene Beziehung, er selbst ließ sich nicht einschränken; doch von seinem Partner, welchen er aushielt und dessen Karriere er maßgeblich beeinflusst hatte, verlangte er strikte monogame Disziplin.
Und Herman war der schönste Schmetterling in seiner Sammlung.
Bei der darauf folgenden Eifersuchtsszene, welche hauptsächlich von der Wut über Hermans Frechheit, seinen Ernährer zu hintergehen, geschürt wurde, ging neben einem seiner Schneidezähne auch der Großteil der Werke zu Bruch oder flog auf die schneenasse Straße, auf welche sich Herman, hinter Helene und Paul hereilend, hatte flüchten können.
Im Unterschied zu ihm waren die beiden noch im Atelier in der Lage gewesen, sich ihre Kleider anzuziehen. Und während Oscar auf Herman mit dessen Bildern eingeschlagen hatte, konnten sie sich in Sicherheit bringen.
Nackt und blutend war Herman zu ihnen ins Auto gesprungen, wobei noch einiges an Leinwand, Farben und Werkzeugen durch das Fenster aus dem dritten Stock in ihre Richtung hinterhergeflogen kam.
Unbeirrt ließ Helene den Motor aufheulen, und die drei brausten davon.
Ein wirbelnder Keilrahmen gab ihnen noch eine Schramme im Kofferraumdeckel mit auf den Weg, dann waren sie aus Oscars Reichweite.
Die ersten Tage nach seinem Rausschmiss war Herman bei seinen Modellen geblieben. Wäre um sie nicht die latente Befürchtung gewesen, Oscar könnte ihn hier aufspüren und nach Hause oder nur einfach so als Bestrafung prügeln, hätte er das Leben bei ihnen und die Möglichkeiten, welche ein gemischtgeschlechtliches Dreieck bietet, genossen. Doch so machte der Künstler sich fast wahnsinnig vor Angst und war bemüht, so tief es ginge, abzutauchen und so schnell wie möglich eine neue Bleibe zu finden.
Panisch durchstöberte Herman gemeinsam mit seinen Mitbewohnern Zeitungsannoncen, telefonierte mit Maklern, durchforstete das Internet und schlich sich vermummt zu Besichtigungen und Vermietergesprächen. Doch er konnte nichts Adäquates finden, oder er entsprach mit seinem geschlagenen, zahnlückigen Äußeren nicht den Vorstellungen der Eigentümer von einem Vertrauen erweckenden Mieter.
Am Ende war es Paul, welcher nach über einer Woche erfolglosen Suchens diese Wohnung für seinen unfreiwilligen Mitbewohner ausfindig gemacht hatte.
Damals.
Damals war Herman mit praktisch keinen Besitztümern hier eingezogen. Bei seiner Flucht vor Oscars Wut hatte er nichts retten können, und in die gemeinsame Wohnung hatte er sich nie mehr gewagt. Zu groß war die Angst vor dem Zorn seines Exgeliebten.
Lediglich zwei Garnituren Kleidung, ein Minimum an Malutensilien und einen Stapel Bretter hatte er sich bis dahin gekauft und übersiedelte dies mit Pauls Hilfe in seine neue Unterkunft. Ziegelsteine fand er im unbewohnten Untergeschoss, und Obstkisten bezog er vom nahe gelegenen Gemüsemarkt.
Dies waren die Bausteine, aus welchen er sich das Mobiliar für seine Wohnküche zusammengestückelt hatte. Zusätzlich zimmerte er sich eine Staffelei und funktionierte den Balkon wegen Platzmangels zum Atelier um. Ausmalen ersparte er sich aus stilistischen Gründen, sogar auf das Putzen des alten, fettvergilbten Herdes hatte er verzichtet.
Geschlagen, auf die Straße geworfen und hier untergekrochen.
Dies vermittelte seine Wohnung, und so sah sein Leben aus.
Das Licht schluckende Gelbgrau der ehemals weißen Wände, das speckige Schwarz des Riemenbodens und das abwaschbare, pastellige Amtsraumgrün hinter der Spüle stimulierten ihn schon lange nicht mehr und unterstrichen auch nicht mehr die Dramatik seiner Existenz. Im Gegenteil, mittlerweile raubten sie ihm den letzten Rest an Antrieb, machten ihn stumpf und spiegelten seine tatsächliche Hoffnungslosigkeit wider.
Damals.
Damals, als er von Oscar hinausgeworfen worden war, hatte er noch keine finanziellen Sorgen gehabt, doch es hatte auch ohne aufwendigen Lebenswandel nicht besonders lange gedauert, bis Herman das Geld knapp wurde.
Bald schon hatte er einsehen müssen, dass es sich selbst ein Künstler nicht leisten kann, mit einer Lücke an Stelle eines Schneidezahnes aufzutreten. Es vermittelt einfach keinen soliden, vertrauenswürdigen Eindruck. Und nachdem er sich diese endlich hatte schließen lassen, bestand akuter Handlungsbedarf.
Der Wohlstand hatte ein absehbares Ende gefunden.
Bei der Jagd nach Aufträgen und einem möglichen Absatzmarkt seiner Arbeiten kam Herman die Erkenntnis, dass Oscar mächtiger war, als er es sich vorgestellt hatte, und er ohne ihn nichts war und praktisch keine Freunde ihm geblieben waren.
Niemand wollte mehr seine Werke ausstellen oder kaufen.
Herman – Ein verschüttetes Leben
ISBN 978-3-85022-191-7
152 Seiten / EUR 15,90
© 2008 Novum Verlag, Rathausgasse 73, Neckenmarkt
Ein verschüttetes Leben
Reconquista
In eine Ecke gekauert saß Herman auf dem Boden seiner für seine Bedürfnisse viel zu kleinen Wohnung und starrte auf das von Staub verschmierte Glas der Balkontür, durch welche das matte Licht des anbrechenden Abends, allen Widerständen trotzend, einfiel. In seiner linken Hand hielt er einen Bogen Zeichenpapier und streifte unablässig mit dem Daumen seiner Rechten über dessen scharfe Kanten. Dies war eine alte Gewohnheit, ursprünglich gegen seine Mutter gerichtet und im Laufe der Jahre zu einer fixen Untermalung beim Nachdenken geworden.
Er presste seinen Finger fest gegen das Blatt und schnitt sich tief in sein Fleisch. Während dickflüssiges Blut die weiße, scharfe Kante rötete, tauchte er ein in das wohlige Déjà-vu des Schlüsselerlebnisses, welches ihm diese Gewohnheit beschert hatte.
Der Zeichensaal seiner damaligen Schule, sein überraschter Schrei und der brennende Schmerz in seinem Finger – eine Empfindung, welche ihm bis zu diesem Zeitpunkt, egal in welcher Form auch immer, erspart geblieben war – drehten sich erneut in ihm und nebelten ihn ein.
Die Sommerferien hatten Herman und seine Mutter stets damit verbracht, sämtliche Seitenränder seiner Hefte, welche er im folgenden Schuljahr benötigen würde, mit durchsichtigem Klebeband zu überziehen. Eine Schutzvorrichtung, welche die gefährlich scharfen Papierkanten von Charlotte Henmayrs Sohnesfleisch fernhalten sollte. Doch alle Bemühungen waren schlussendlich vergebens gewesen und hatten jenen Schnitt im Unterricht nicht vermeiden können, die Schneidkraft des Lebens hatte, dem Bestreben seiner Leiblichen zum Trotz, einen Weg zu Herman gefunden. Und das am Vorabend seiner Pubertät, wodurch ihm der Zeichensaal zum Symbol der Wahrheit und das Sichschneiden und Verletzen zu einem Protest stilisiert worden war, welcher sich mit den Jahren zu einer Marotte mauserte.
Eine tiefe Kerbe in seiner Daumenkuppe war Zeugin seiner Beständigkeit.
Während sein Blut über das Papier rann und eine einzigartige Spur hinterließ, um anschließend auf das Lärchenholz des Bodens zu tropfen, streiften Hermans Augen durch den Raum.
Er hasste diese Wohnung, welche ihn jedes Mal, sobald er sie betrat, umklammerte und ihm somit den letzten Rest an ihm verbliebener Kraft raubte. Die dicken, kalten Wände schlossen sich um ihn, ließen ihm kaum Platz zum Atmen, die verstreut liegenden, von Blutspuren gezeichneten Blätter mahnten ständig an Vergangenes, und sein Mobiliar, welches zum Großteil aus zu Regalen gestapelten Obstkisten, Ziegelsteinen und Brettern bestand, drohte über ihn herzufallen und ihn zu erschlagen. Er war nicht im Stande, diesen Unterschlupf zu verlassen; doch hielt er sich darin auf, zeigte ihm das roh gehobelte Holz die Zähne und bohrte unablässig Splitter in sein Fleisch.
Wäre die Oberflächenbehandlung ein Maß für Lebensqualität und Selbstachtung, so war er beinahe am Boden angekommen.
Vor einem halben Jahr, als er diese Garçonnière zum ersten Mal betreten hatte, glaubte er seine momentane Stimmung in ihr wiederzuerkennen, die Trostlosigkeit eines Daseins ohne Zärtlichkeiten räumlich gestaltet vorgefunden zu haben. Herman glaubte, auf ein Spiegelbild seines aus seinem Blickwinkel von einengenden Zwängen geprägten Lebens gestoßen zu sein, und mietete das Wohnobjekt in seinem Darstellungsdrang an.
Damals hätte er sich noch eine größere, hellere Unterkunft leisten können, doch er hatte sich theatralisch inszenieren wollen und war der Meinung gewesen, dieses Loch würde ihm gut zu Gesichte stehen und bei seinen Mitmenschen Mitleid heraufbeschwören.
Vergebens.
Aber die Wohnung hatte immerhin den unleugbaren Vorteil gehabt, dass ihn hier niemand vermuten würde und er ohne Schikanen und Kaution sofort hatte einziehen können.
Damals.
Damals hatte er innerhalb weniger Minuten so gut wie alles verloren. Unangemeldet war sein Galerist, welcher ihm sein Atelier bezahlte und bei dem er auch wohnte, in Selbigem aufgetaucht und hatte ihn beim Sex mit seinen zwei Modellen ertappt. Nach seiner Seite hin war der Galerist durchaus für eine offene Beziehung, er selbst ließ sich nicht einschränken; doch von seinem Partner, welchen er aushielt und dessen Karriere er maßgeblich beeinflusst hatte, verlangte er strikte monogame Disziplin.
Und Herman war der schönste Schmetterling in seiner Sammlung.
Bei der darauf folgenden Eifersuchtsszene, welche hauptsächlich von der Wut über Hermans Frechheit, seinen Ernährer zu hintergehen, geschürt wurde, ging neben einem seiner Schneidezähne auch der Großteil der Werke zu Bruch oder flog auf die schneenasse Straße, auf welche sich Herman, hinter Helene und Paul hereilend, hatte flüchten können.
Im Unterschied zu ihm waren die beiden noch im Atelier in der Lage gewesen, sich ihre Kleider anzuziehen. Und während Oscar auf Herman mit dessen Bildern eingeschlagen hatte, konnten sie sich in Sicherheit bringen.
Nackt und blutend war Herman zu ihnen ins Auto gesprungen, wobei noch einiges an Leinwand, Farben und Werkzeugen durch das Fenster aus dem dritten Stock in ihre Richtung hinterhergeflogen kam.
Unbeirrt ließ Helene den Motor aufheulen, und die drei brausten davon.
Ein wirbelnder Keilrahmen gab ihnen noch eine Schramme im Kofferraumdeckel mit auf den Weg, dann waren sie aus Oscars Reichweite.
Die ersten Tage nach seinem Rausschmiss war Herman bei seinen Modellen geblieben. Wäre um sie nicht die latente Befürchtung gewesen, Oscar könnte ihn hier aufspüren und nach Hause oder nur einfach so als Bestrafung prügeln, hätte er das Leben bei ihnen und die Möglichkeiten, welche ein gemischtgeschlechtliches Dreieck bietet, genossen. Doch so machte der Künstler sich fast wahnsinnig vor Angst und war bemüht, so tief es ginge, abzutauchen und so schnell wie möglich eine neue Bleibe zu finden.
Panisch durchstöberte Herman gemeinsam mit seinen Mitbewohnern Zeitungsannoncen, telefonierte mit Maklern, durchforstete das Internet und schlich sich vermummt zu Besichtigungen und Vermietergesprächen. Doch er konnte nichts Adäquates finden, oder er entsprach mit seinem geschlagenen, zahnlückigen Äußeren nicht den Vorstellungen der Eigentümer von einem Vertrauen erweckenden Mieter.
Am Ende war es Paul, welcher nach über einer Woche erfolglosen Suchens diese Wohnung für seinen unfreiwilligen Mitbewohner ausfindig gemacht hatte.
Damals.
Damals war Herman mit praktisch keinen Besitztümern hier eingezogen. Bei seiner Flucht vor Oscars Wut hatte er nichts retten können, und in die gemeinsame Wohnung hatte er sich nie mehr gewagt. Zu groß war die Angst vor dem Zorn seines Exgeliebten.
Lediglich zwei Garnituren Kleidung, ein Minimum an Malutensilien und einen Stapel Bretter hatte er sich bis dahin gekauft und übersiedelte dies mit Pauls Hilfe in seine neue Unterkunft. Ziegelsteine fand er im unbewohnten Untergeschoss, und Obstkisten bezog er vom nahe gelegenen Gemüsemarkt.
Dies waren die Bausteine, aus welchen er sich das Mobiliar für seine Wohnküche zusammengestückelt hatte. Zusätzlich zimmerte er sich eine Staffelei und funktionierte den Balkon wegen Platzmangels zum Atelier um. Ausmalen ersparte er sich aus stilistischen Gründen, sogar auf das Putzen des alten, fettvergilbten Herdes hatte er verzichtet.
Geschlagen, auf die Straße geworfen und hier untergekrochen.
Dies vermittelte seine Wohnung, und so sah sein Leben aus.
Das Licht schluckende Gelbgrau der ehemals weißen Wände, das speckige Schwarz des Riemenbodens und das abwaschbare, pastellige Amtsraumgrün hinter der Spüle stimulierten ihn schon lange nicht mehr und unterstrichen auch nicht mehr die Dramatik seiner Existenz. Im Gegenteil, mittlerweile raubten sie ihm den letzten Rest an Antrieb, machten ihn stumpf und spiegelten seine tatsächliche Hoffnungslosigkeit wider.
Damals.
Damals, als er von Oscar hinausgeworfen worden war, hatte er noch keine finanziellen Sorgen gehabt, doch es hatte auch ohne aufwendigen Lebenswandel nicht besonders lange gedauert, bis Herman das Geld knapp wurde.
Bald schon hatte er einsehen müssen, dass es sich selbst ein Künstler nicht leisten kann, mit einer Lücke an Stelle eines Schneidezahnes aufzutreten. Es vermittelt einfach keinen soliden, vertrauenswürdigen Eindruck. Und nachdem er sich diese endlich hatte schließen lassen, bestand akuter Handlungsbedarf.
Der Wohlstand hatte ein absehbares Ende gefunden.
Bei der Jagd nach Aufträgen und einem möglichen Absatzmarkt seiner Arbeiten kam Herman die Erkenntnis, dass Oscar mächtiger war, als er es sich vorgestellt hatte, und er ohne ihn nichts war und praktisch keine Freunde ihm geblieben waren.
Niemand wollte mehr seine Werke ausstellen oder kaufen.
Herman – Ein verschüttetes Leben
ISBN 978-3-85022-191-7
152 Seiten / EUR 15,90
© 2008 Novum Verlag, Rathausgasse 73, Neckenmarkt
Mittwoch, 19. Dezember 2007
Von Grün und anderen Touristen
Die griffigste Sehnsucht entsteht durch eine einfache Landkarte, worauf magisch-reale Orte wie vergrabene Schätze verzeichnet sind. In Peter Plattners Reiseroman vom „Grün“ ist eine solche Sehnsuchtskarte im Vorspann eingelegt.
Die Karte zeigt in Abenteuer-Manier einen Ausriss aus Südamerika, in Kolumbien ist etwa Bahia Solana eingezeichnet, in Venezuela Ciudad Bolivar, in Bolivien Potosi. Zwischen den Orten wuchern Gebirge, wilde Wasser und Dschungel, Dschungel, Dschungel.
Der Reiseroman ist als Ich-Erzählung angelegt, ein konkretes, „Autor-nahes“ Ich macht sich auf die Suche nach unbekannten Dingen, wie man eben als Leser oft liest und liest und sich treiben lässt. Der Titel legt bereits eine wichtige Spur: vom Dschungel bleibt letztlich nichts anderes übrig als die Farbe grün, darin eingeschlossen sind tausende Pfade, worauf sich Touristen wie Ameisen auf der Suche nach dem Grün begegnen.
So erzählt Peter Plattners Roman fast gleichzeitig von drei Dingen: Von der Hinterseite jener Länder, die wir entweder aus paradiesischen Reiseprospekten oder als blutige Kriegsberichterstattung aus den Nachrichten kennen, vom Handwerk des Reisens mit seinen touristischen Ritualen, Knotenpunkten und Absteigen, und vom suchenden Ich, das sich allmählich völlig unaufgeregt im Dschungel auflöst und sich nur schmerzhaft wieder in die so genannte Zivilisation zurückschleppen kann.
Unter den Lebensphilosophien gilt der Pilger, der letztlich auf dem Weg zu sich selbst ist, als eine der hilfreichsten Gestalten, mit dem Leben halbwegs sinnvoll und unterhaltsam zurecht zu kommen. Im „Grün“-Roman wimmelt es nur so von skurrilen Figuren, die einander das Leben oft nur mit einem einzigen Satz erzählen, während sie ordentlich trinken und die Gegenwart mit der Grünverschiebung des leichten Suffs verzieren.
In diesem seltsam erschöpften Licht, das Reisende umfängt, wenn sie eine heftige Strecke hinter sich gebracht haben, werden soziale Ungerechtigkeiten grell sichtbar, der Reisende wird für kurze Zeit Mitglied dieses auswuchernden Kontinents, und Absatzweise werden die aufgesuchten Orte nicht nur beschreibbar, der Erzähler ist fallweise sogar ein glaubwürdiger Teil dieser aufgesuchten Welt.
Für uns Leser ist in diesem Roman alles vorhanden, was wir während der Reiseplanungen zu uns selbst suchen: Entbehrungen, Üppigkeit, leichter Sud, seltsame Orte, Dschungel, Abenteuer, Aufklärung und Zeitlosigkeit. Mit einem Wort: Das Grüne!
(von Helmuth Schönauer)
Von Grün und anderen Touristen
ISBN 3-902506-10-5
246 Seiten / EUR 11,40
© 2006 Gerst Verlag, Unterberg 4, Innsbruck
Die griffigste Sehnsucht entsteht durch eine einfache Landkarte, worauf magisch-reale Orte wie vergrabene Schätze verzeichnet sind. In Peter Plattners Reiseroman vom „Grün“ ist eine solche Sehnsuchtskarte im Vorspann eingelegt.
Die Karte zeigt in Abenteuer-Manier einen Ausriss aus Südamerika, in Kolumbien ist etwa Bahia Solana eingezeichnet, in Venezuela Ciudad Bolivar, in Bolivien Potosi. Zwischen den Orten wuchern Gebirge, wilde Wasser und Dschungel, Dschungel, Dschungel.
Der Reiseroman ist als Ich-Erzählung angelegt, ein konkretes, „Autor-nahes“ Ich macht sich auf die Suche nach unbekannten Dingen, wie man eben als Leser oft liest und liest und sich treiben lässt. Der Titel legt bereits eine wichtige Spur: vom Dschungel bleibt letztlich nichts anderes übrig als die Farbe grün, darin eingeschlossen sind tausende Pfade, worauf sich Touristen wie Ameisen auf der Suche nach dem Grün begegnen.
So erzählt Peter Plattners Roman fast gleichzeitig von drei Dingen: Von der Hinterseite jener Länder, die wir entweder aus paradiesischen Reiseprospekten oder als blutige Kriegsberichterstattung aus den Nachrichten kennen, vom Handwerk des Reisens mit seinen touristischen Ritualen, Knotenpunkten und Absteigen, und vom suchenden Ich, das sich allmählich völlig unaufgeregt im Dschungel auflöst und sich nur schmerzhaft wieder in die so genannte Zivilisation zurückschleppen kann.
Unter den Lebensphilosophien gilt der Pilger, der letztlich auf dem Weg zu sich selbst ist, als eine der hilfreichsten Gestalten, mit dem Leben halbwegs sinnvoll und unterhaltsam zurecht zu kommen. Im „Grün“-Roman wimmelt es nur so von skurrilen Figuren, die einander das Leben oft nur mit einem einzigen Satz erzählen, während sie ordentlich trinken und die Gegenwart mit der Grünverschiebung des leichten Suffs verzieren.
In diesem seltsam erschöpften Licht, das Reisende umfängt, wenn sie eine heftige Strecke hinter sich gebracht haben, werden soziale Ungerechtigkeiten grell sichtbar, der Reisende wird für kurze Zeit Mitglied dieses auswuchernden Kontinents, und Absatzweise werden die aufgesuchten Orte nicht nur beschreibbar, der Erzähler ist fallweise sogar ein glaubwürdiger Teil dieser aufgesuchten Welt.
Für uns Leser ist in diesem Roman alles vorhanden, was wir während der Reiseplanungen zu uns selbst suchen: Entbehrungen, Üppigkeit, leichter Sud, seltsame Orte, Dschungel, Abenteuer, Aufklärung und Zeitlosigkeit. Mit einem Wort: Das Grüne!
(von Helmuth Schönauer)
Von Grün und anderen Touristen
ISBN 3-902506-10-5
246 Seiten / EUR 11,40
© 2006 Gerst Verlag, Unterberg 4, Innsbruck
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